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Detlef Horster: Jürgen Habermas und der Papst

 

Gerechtigkeit und Nächstenliebe im säkularen Staat 

 

Von Christa Tamara Kaul

 

 

Vernunft, Glaube und Gerechtigkeit sind zentrale Punkte der Gedankengebäude sowohl von Papst Benedikt XVI., alias Josef Ratzinger, als auch von Jürgen Habermas, Quasi-Staatsphilosoph des demokratischen Deutschlands und kirchenferner Theoretiker der kritischen Vernunft. Dabei nähern sich die beiden den Themen teilweise mit unterschiedlicher Herangehensweise und Intention.

Einig sind sie sich jedoch u.a. in der Einschätzung, dass die in der Gegenwartsgesellschaft vorherrschende rationale Moral mit ihren reziproken Rechten und Pflichten, die dem merkantilen Vertragsprinzip nachgebildet sei, keine umfassende Gerechtigkeit bieten könne. Darum führt Habermas das Moralprinzip der Nächstenliebe in seine Gesellschaftsentwürfe ein, was seit jeher einer der zentralen Punkte der Schriften Josef Ratzingers ist und besonders deutlich in seiner ersten Enzyklika „Deus caritas est“ als Papst zum Ausdruck kommt. Habermas und Ratzinger waren sich bei ihrem viel beachteten Diskurs Ende 2004 in München in der Analyse einig, dass einerseits eine formale, auf Gleichheit beruhende Gerechtigkeit angestrebt, andererseits aber darüber hinaus die Nächstenliebe angemahnt werden müsse, um Fehlentwicklungen dort auszugleichen, wo das Gleichheitsprinzip zu ungerechten Zuständen führe. Besonders mit diesem Aspekt setzt sich Detlef Horster in seinem Essay kritisch auseinander und fragt von einem sozialphilosophischen Standpunkt aus nach den Möglichkeiten und Grenzen religiöser Impulse für die Moral der Gegenwart.

Weitere Schwerpunkte in Horsters Essay sind Darstellung, Vergleich und Untersuchung der Ansichten von Benedikt XVI. und Habermas bezüglich der Installation und Begründung von moralischen Werten im säkularen Staat. Auch wenn die beiden die Rolle der Religion im säkularen Staat unterschiedlich sehen, so stimmen doch beide überein in der Diagnose des schleichenden Verschwindens der knappen Ressource "Sinn" in Zeiten der Globalisierung, eine Entwicklung, der mit religiösen Elementen zu begegnen sei. Eine äußerst aufschlussreiche Lektüre, ein Lese-Muss für alle, die sich mit dem Themenbereich Werte, Wertewandel und Werterelativismus sowie Gerechtigkeit beschäftigen.
 

 

Detlef Horster: Jürgen Habermas und der Papst - Glauben und Vernunft, Gerechtigkeit und Nächstenliebe im säkularen Staat, transcript Verlag, Bielefeld, 2006, ISBN 3-89942-411-5, 13,80 €

 

 

© Christa Tamara Kaul