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Das
Zusammenleben
mit
Katzen
-
es
hat
etwas
Faszinierendes,
Anziehendes,
Geheimnisvolles
-
und
auch
Beruhigendes.
Für
viele
Menschen
jedenfalls.
Wenn
die
Katze
allerdings
ein
ausgewachsener
bengalischer
Tiger
ist
und
der
gemeinsame
Lebensraum
ein
kleines
Rettungsboot
mitten
im
schier
unendlichen
Pazifischen
Ozean,
wenn
Mensch
und
Tier
227
Tage
des
Dahinvegetierens
im
Meer
der
Verlassenheit
und
der
Qualen
ertragen
müssen,
dann
kann
die
Freude
kaum
ungetrübt
sein. Gegenseitiger
Respekt
jedoch
kann
bleiben.
Genau
dies
durchlebt
der
junge
Inder
Pi
Patel
zusammen
mit
einem
Tiger
namens
Richard
Parker.
Piscine
Molitor
Patel,
genannt
Pi,
wächst
als
Sohn
eines
Zooinhabers
in
einer
gebildeten
und
stark
westlich
geprägten
Familie
in
Südindien
auf.
Die
Familie
-
neben
dem
Vater
und
Pi
gehören
noch
die
couragierte
Mutter
und
der
clevere
Bruder
Ravi
dazu
-
lebt
im
und
für
ihren
Zoo.
Von
klein
auf
lernt
Pi,
vor
allem
durch
den
zoologisch
überaus
versierten
Vater,
das
Leben,
die
Eigenarten
und
die
Bedürfnisse
der
unterschiedlichen
Tiere
kennen
und
achten.
Bis
zu
einem
gewissen
Grad
versteht
er
ihre
"Sprache".
Außer
den
Tieren
gilt
das
große
Interesse
des
Jungen
der
Religion
-
oder
richtiger:
den
Religionen.
Er
sucht
Gott
in
Christentum,
Hinduismus
und
Islam
und
wird
in
allen
gleichermaßen
fündig,
was
für
Pi
zu
einer
individuell
zusammgefassten
"Allreligion"
führt.
Mitte
der
1970er
Jahre
beschließt
der
Vater,
der
im
Indien
der
Indira
Gandhi
seine
Hoffnung
auf
ein
"Neues
Indien"
in
unerreichbare
Ferne
gerückt
sieht,
mit
der
Familie
nach
Kanada
auszuwandern.
Gemeinsam
mit
einem
großen
Teil
der
Tiere
tritt
die
Familie
Patel
die
Überseereise
auf
dem
japanischen
Frachter
Tsimtsum
an.
Doch
der
Frachter
sinkt,
und
nur
der
sechszehnjährige
Pi
Patel,
ein
Zebra,
eine
Hyäne,
ein
Orang-Utan,
eine
Ratte
und
Richard
Parker,
der
450
Pfund
schwere
bengalische
Tiger,
können
sich
in
ein
Rettungsboot
flüchten.
Doch
der
Überlebenskampf
unter
den
Schiffbrüchigen
nimmt
schnell
seinen
Lauf,
bis
schließlich
nur
Pi
Patel
und
Richard
Parker
übrig
bleiben. Für
227
nicht
enden
wollende
Tage
teilen
sie
nun
das
lebensbedrohende
Revier
bis
sie
schließlich,
dem
Tode
schon
sehr
nah,
doch
noch
an
das
rettende
Land
gespült
werden.
Der
Roman
ist
als
Rahmenhandlung
aufgebaut,
spielt
also
auf
mehreren
Ebenen.
Dennoch
bleibt
das
gesamte
Geschehen
klar
strukturiert
und
für
den
Leser
jederzeit
übersichtlich,
auch
wenn
mal
eine
längere
Lesepause
eingelegt
werden
muss.
Der
Kern
der
Geschichte,
das
Leben
des
Pi
Patel
von
seiner
unbeschwerten
Kindheit
an
bis
zu
seiner
doch
noch
glückenden
Rettung
nach
der
grausamen
Zeit
als
Schiffsbrüchiger,
lässt
sich
in
verschiedenen
Dimensionen
lesen
und
interpretieren.
Zunächst
einmal
als
fabelhafte,
spannende
Abenteuergeschichte,
erzählt
in
einem
phantasievollen,
unkomplizierten
Stil,
der
jedoch
niemals
in
die
Nähe
der
Banalität
gerät.
Bisweilen,
so
bei
der
Schilderung
der
fleischfressenden
Insel,
begibt
sich
Martel
dabei
bis
ins
Reich
des
Märchenähnlichen.
Meisterhaft
gelingt
es
dem
Autor,
die
227
zermürbend
eintönigen
Tage
des
Ausgeliefertseins
an
die
Gewalten
des
offenen
Meeres,
also
knapp
zwei
Drittel
des
Buches,
so
"hautnah"
zu
schildern,
dass
die
Spannung
nur
ganz
selten
etwas
nachlässt.
Die
unablässige
Zerreißprobe
zwischen
Todesangst,
Verzweiflung
und
den
ungezählten
listigen
Überlebensstrategien,
das
faszinierende
Einbeziehen
in
Naturerscheinungen,
die
unter
"normalen"
Umständen
wohl
unbeachtet
bleiben,
lassen
Leben
von
einer
sehr
differenzierten,
ungewohnten
Seite
"erleben".
"Ich
weiß,
die
Menschen
mögen
keine
Zoos.
Und
keine
Religion.
Beide
sind
einem
Trugbild,
einer
falschen
Idee
von
Freiheit
zum
Opfer
gefallen."
Eine
der
Feststellungen,
die
Pi
Patels
-
und
damit
Martels?
-
Sicht
unserer
Welt
komprimieren.
Martels
Buch
kreist
im
Inneren
um
die
Aussagen
von
Zoologie
und
Theologie,
es
thematisiert
das
Verhältnis
von
Mensch
und
Tier
sowie
von
Mensch
und
Gott.
Es
hat
ein
metaphysisches
Anliegen.
Und
das
ist
die
andere
Ebene
des
Romans.
Ob
allerdings
der
Versuch
von
Gottesbeweis
und
die
Ermunterung
zu
einer
universellen
Religionseinheit
gelungen
sind
-
es
darf
zumindest
bezweifelt
werden,
auch
wenn
diese
Bereiche
ebenso
sensibel
wie
teilweise
auch
ironisch
distanziert
angesprochen
werden,
so
dass
niemals
Peinlichkeiten
aufkommen.
Die
Rezeption
dieser
Absicht
hängt
nicht
zuletzt
von
der
jeweils
subjektiven
Zugänglichkeit
des
Lesers,
der
Leserin
ab.
Völlig
unbestreitbar
aber
leistet
der
Roman
etwas
anderes:
eine
tiefe
Einsicht
in
das
Verhältnis
von
Mensch
und
Tier
und
dessen
unglaublich
acht-
und
einfühlsame
und
gleichermaßen
lebenspralle
Beschreibung.
Die
souverän
sachkundige
wie
präzise,
weil
bis
in
scheinbar
Nebensächliches
anschauliche
Schilderung
der
Natur
im
Allgemeinen
und
der
sich
entwickelnden
Beziehung
zwischen
dem
Jungen
Pi
Patel
und
dem
Tiger
Richard
Parker
im
Besonderen
gehört
zu
dem
Feinfühligsten
und
Besten,
was
in
der
zeitgenössischen
Literatur
zum
Verhältnis
von
Mensch
und
Tier
zu
finden
ist.
Allein
die
Namensgebung
des
Tigers,
nämlich
wie
bei
einem
Menschen
mit
Vor-
und
Nachnahmen
(wenn
das
auch
im
Buch
als
auf
einem
Versehen
beruhend
beschrieben
wird),
symbolisiert,
dass
Mensch
und
Tier
und
ihr
jeweiliges
Lebensrecht
auf
gleicher
Augenhöhe
beschrieben
und
-
geachtet
werden.
Dabei
schleicht
sich
in
keinem
Augenblick
der
phantasiereichen
Geschichte
irgendeine
falsche
Disney-Kuscheligkeit
ein.
Dem
Tier
wird
seine
eigene
Würde
zuerkannt,
ohne
die
Unterschiede
zum
Menschen
jemals
zu
leugnen.
Schon
allein
darin
liegt
die
Preis-Würdigkeit
(Booker-Preis)
dieses
Buches
begründet.
Weitergehende
Rezension
auf
Anfrage!
Textauszug: Als
wir
Land
erreichten,
Mexiko,
um
genau
zu
sein,
war
ich
so
schwach,
dass
ich
kaum
noch
die
Kraft
hatte,
mich
darüber
zu
freuen.
Die
Landung
war
sehr
mühsam.
Fast
wäre
das
Rettungsboot
noch
in
der
Brandung
gekentert.
..........
Ich
blickte
hinüber
zum
Ufer,
um
zu
sehen,
wie
weit
es
noch
war.
Dieser
Blick
bescherte
mir
zugleich
eins
meiner
letzten
Bilder
von
Richard
Parker,
denn
in
just
diesem
Moment
sprang
er
über
mich
hinweg.
Ich
sah
seinen
Körper,
so
voller
Leben,
lang
ausgestreckt
in
der
Luft
über
mir,
ein
flüchtiger,
pelziger
Regenbogen.
.........
Er
lief
unter
Mühen,
stolperte
über
seine
eigenen
Beine.
Mehrere
Male
stürzte
er.
Als
er
den
Dschungel
erreichte,
blieb
er
stehen.
Ich
war
mir
sicher,
dass
er
sich
nun
zu
mir
umdrehen
würde.
Er
würde
mich
ansehen.
Er
würde
die
Ohren
anlegen.
Er
würde
knurren.
Etwas
in
dieser
Art
würde
er
tun,
zum
Abschluss
der
Zeit,
die
wir
miteinander
verbracht
hatten.
Aber
er
dachte
gar
nicht
daran.
Sein
Blick
war
starr
auf
den
Dschungel
gerichtet.
Und
dann
verschwand
Richard
Parker,
der
Gefährte
meiner
langen
Reise,
der
mächtige,
angsteinflößende
Tiger,
der
mich
gerettet
hatte,
mit
einem
kleinen
Sprung
für
immer
aus
meinem
Leben.
.........
Stunden
vergingen,
doch
dann
fand
mich
ein
Vertreter
meinen
eigenen
Art.
Ich
weinte
wie
ein
Kind.
Nicht
weil
ich
überwältigt
von
dem
Gedanken
war,
dass
ich
meine
Leiden
überstanden
hatte.
Obwohl
ich
auch
das
war.
Auch
nicht,
weil
ich
wieder
meine
Brüder
und
Schwestern
um
mich
hatte,
obwohl
mich
das
sehr
rührte. Ich
weinte,
weil
Richard
Parker
mich
ohne
einen
Abschiedsgruß
verlassen
hatte.
Es
ist
entsetzlich,
wenn
man
sich
nicht
anständig
verabschieden
kann.
Ich
bin
ein
Mensch,
der
an
Formen
glaubt,
an
die
Harmonie
eines
geordneten
Lebens.
Wo
immer
wir
können,
müssen
wir
den
Dingen
eine
Gestalt
geben,
denn
Gestalt
bedeutet
Sinn.
Ob
es
wohl
zum
Beispiel
möglich
wäre,
meine
konfuse
Geschichte
in
genau
einhundert
Kapiteln
zu
erzählen,
keins
mehr
und
keins
weniger?
Das
ist
-
nebenbei
bemerkt
-
etwas,
das
ich
an
meinem
Spitznamen
hasse,
die
Art
wie
diese
Zahl
weiter
und
immer
weiter
ins
Unendliche
läuft.
Es
ist
wichtig
im
Leben,
dass
etwas
anständig
zu
Ende
gebracht
wird.
Nur
dann
kann
man
es
loslassen.
Sonst
bleibt
man
mit
Worten
zurück,
die
man
hätte
sagen
sollen,
aber
nie
herausbekam,
und
das
Herz
ist
schwer
vor
Unglück
darüber.
Dass
uns
dieser
Abschied
misslang,
quält
mich
bis
zum
heutigen
Tag.
Ich
wünsche
mir
so
sehr,
dass
ich
noch
einen
letzten
Blick
auf
ihn
hätte
werfen
können,
wie
er
im
Rettungsboot
saß,
dass
ich
noch
ein
klein
wenig
geärgert
hätte,
damit
er
mich
nicht
vergaß.
Ich
wünschte,
ich
hätte
damals
zu
ihm
gesagt
-
ja,
ich
weiß,
dass
er
ein
Tiger
ist,
aber
trotzdem
-
,
ich
wünschte,
ich
hätte
gesagt:
"Richard
Parker,
unsere
Reise
ist
zu
Ende.
Wir
haben
überlebt.
Kannst
du
das
glauben?
Ich
bin
dir
mehr
Dank
schuldig,
als
ich
je
in
Worte
fassen
könnte.
Ohne
dich
wäre
ich
jetzt
nicht
hier.
Deshalb
sage
ich
in
aller
Form:
Richard
Parker,
ich
danke
dir.
Ich
danke
dir,
dass
du
mir
das
Leben
gerettet
hast.
Und
nun
geh,
wohin
du
gehen
musst.
Fast
dein
ganzes
Leben
hast
du
im
freien
Gefängnis
des
Zoos
zugebracht;
nun
wirst
du
in
der
Freiheit
des
Dschungels
gefangen
sein.
Ich
wünsche
die
alles
Gute.
Nimm
dich
in
Acht
vor
den
Menschen.
Sie
sind
nicht
deine
Freunde.
Aber
ich
hoffe,
mich
wirst
du
als
Freund
im
Gedächtnis
behalten.
Ich
werde
dich
nie
vergessen,
das
steht
fest.
Du
wirst
für
alle
Zeiten
bei
mir
bleiben,
in
meinem
Herzen.
Hörst
du
das
Knirschen?
Unser
Boot
kommt
an
Land.
Dann
lebe
wohl,
Richard
Parker,
lebe
wohl.
Und
Gott
sei
mit
dir."
<<<
zurück
Autorenportrait:
Der
1963
in
Spanien
geborene
kanadische
Autor
Yann
Martel
wuchs
als
Sohn
einer
Diplomaten-
und
Schriftstellerfamilie
unter
anderem
in
Costa
Rica,
Frankreich
und
Mexiko
auf,
später
unternahm
er
lange
Reisen
durch
den
Iran,
die
Türkei
und
Indien.
Nach
dem
Studium
der
Philosophie
an
der
Trent
University
in
Peterborough
veröffentlichte
der
als
„rising
star
of
the
Canadian
literary
scene“
gefeierte
Autor
bisher
drei
Bücher.
Es
sind
dies
die
Kurzgeschichten-Sammlung
The
Facts
Behind
the
Helsinki
Roccamatios
(1993;
dt.:
Aller
Irrsinn
dieses
Seins,
1994)
deren
Titelgeschichte
1994
verfilmt
wurde,
sowie
die
Romane
Self
(1996;
dt.:
Selbst,
1997)
und
Life
of
Pi
(2001;
dt.:
Schiffbruch
mit
Tiger,
2003).
Für
sein
"Schiffbruch
mit
Tiger"
erhielt
er
am
22. Oktober
2002
den
renommierten
Booker
Prize
für
englischsprachige
Literatur.
Die
Auszeichnung
erreichte
ihn
während
seines
Gastaufenthalts
in
Berlin,
wo
er
im
Wintersemester
2002/2003
die
Samuel
Fischer-Gastprofessur
für
Literatur
inne
hatte.
Seine
sieben
Vorgänger
in
dieser
Funktion
waren
Vladimir
Sorokin
(Rußland),
V. Y. Mudimbe
(Kongo),
Kenzaburo
Oe
(Japan),
Scott
Bradfield
(USA),
Sergio
Ramírez
(Nicaragua),
Marlene
Streeruwitz
(Österreich)
und
Robert
Hass
(USA).
Das
Thema
seines
Berliner
Seminars
lautete
"Meeting
the
Other:
the
Animal
in
Western
Literature",
das
Tier
und
das
Selbst -
„like
hunters
in
a
jungle“.
Es
konnten
dabei
sowohl
Pro-
als
auch
Hauptseminarscheine
erworben
werden.
<<<
zurück
Yann
Martel:
Schiffbruch
mit
Tiger
Roman,
S.
Fischer
Verlag,
384
Seiten,
Gebunden
ISBN:
3-10-047825-8
www.s-fischer.de/ |