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Die Krise nach der Krise

Deutschland am Abgrund, Polen auf der Überholspur?

Christa Tamara Kaul | 23.04.2010

 

 


Eine rosige Zukunft sieht anders aus. Jedenfalls wenn die Prognosen einer aktuellen Studie des Brüsseler „Centre for European Policy Studies“ (CEPS) zutreffen sollten. Denn dieser Untersuchung zufolge strebt Deutschland dem wirtschaftlichen Abstieg entgegen – sofern sich nicht einiges deutlich verändern sollte.

Panta rhei – Leben heißt Veränderung und die Weltwirtschaft wird nach der Finanzkrise nicht mehr so sein wie zuvor. Das allein sind weder neue noch weiterführende Erkenntnisse. Das Entscheidende sind Richtung und Tendenz der Veränderungen: Wohin also tendiert die Entwicklung, was hat die nächste Generation in Europa zu erwarten?

Darauf versucht das Autorengespann Daniel Gros, Direktor der CEPS-Forschungsabteilung Wirtschaftspolitik, und Sonja Sagmeister, Wirtschaftsjournalistin der ORF, in dem Buch "Nachkrisenzeit" eine Antwort zu geben. Gros tritt dabei als (nicht selbst schreibender) Spiritus Rector auf, der die Texterstellung seiner Koautorin Sagmeister überlässt. Anhand der von Gros mitverantworteten CEPS-Studie widmet sich das Buch der weltweiten Wirtschaftsentwicklung – und zwar in einer jeweils landesspezifischen Analyse.

Deutschland am Abgrund?

Bei diesen Analysen kommt die Bundesrepublik nicht allzu gut weg. Dass Deutschland nicht nur als (unfreiwilliger) Förderer der großen Finanzkrise dasteht, sondern durchaus Gefahr laufe, die überdrehten Finanzmärkte weiterhin zu beflügeln, ist so völlig überraschend nicht. Gelten doch die „ständigen Leistungsüberschüsse“ vielen als einer der Übeltäter weltweiten Kriselns. Zwar hat es hier weder einen immanent maroden Immobilienboom noch faule Subprime-Kredite („zweitklassige“ Kredite für überwiegend private Kreditnehmer mit geringer Bonität) gegeben, noch ist die Widerstandskraft der deutschen Finanzwirtschaft im Ganzen gefährdet gewesen, was durchaus Be- und Verwunderung bei etlichen Nachbarn hervorgerufen hat. Doch ist laut Gros die Tatsache, dass Deutschland, das wirtschaftlich stärkste Land Europas, die letzte Weltfinanzkrise erstaunlich gut überstanden hat, jedenfalls besser als die meisten anderen Staaten, nur vordergründig so erfreulich, wie es scheint.

 

Die Arbeitslosigkeit ist hier im Gegensatz zu den USA und vielen europäischen Ländern kaum gestiegen. Und die meisten Bürger waren von den Krisenfolgen persönlich kaum oder gar nicht betroffen. Doch was vielen als positiv oder gar beispielhaft erscheint, sei in Wahrheit eine Falle, wie Daniel Gros meint. Deutschland müsse seine Politik im Hinblick auf die Zukunft deutlich verändern. Unter anderem bei der Finanzpolitik. Womit er streckenweise ähnlich wie die französische Wirtschaftsministerin Christine Lagarde argumentiert, wenn auch mit anderer Intention.

Die hatte gefordert, dass Berlin die Steuern senken und so den Konsum kräftig ankurbeln müsse, damit die Deutschen mehr Produkte aus dem Ausland kauften. Wobei sie selbstverständlich an den Kauf französischer Produkte gedacht hat. Der deutsche Handelsüberschuss gefährde die Wettbewerbsfähigkeit anderer Staaten in der Euro-Zone. Grundsätzliche Unterstützung dieser These lieferte auch Dominique Strauss-Kahn, Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Landsmann von Lagarde. Länder wie Deutschland oder China sowie die Öl exportierenden Nahostländer müssten ihre Binnennachfrage stärken. Dies gebiete der Kampf gegen globale Ungleichgewichte.

Keine Rücksicht auf die Langsamsten

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hat solche Forderungen allerdings umgehend  zurückgewiesen. "Dort, wo wir stark sind, werden wir unsere Stärken nicht aufgeben", sagte sie am 14.04.2010 im Bundestag. Ihre Regierung werde eine Politik betreiben, die die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands nach vorne bringe. Es sei falsch, sich nach demjenigen zu richten, der am langsamsten sei.

Tatsache ist, dass sich die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands seit der Euro-Einführung erhöht hat. Denn früher konnten europäische Länder ihre Währung einfach abwerten und so ihre Produkte künstlich billiger machen. Die europäische Gemeinschaftswährung aber erzwingt einen Konkurrenzkampf auf gleicher Ebene. Was Produkten aus Deutschland – einem Land mit traditionell harter Währung – zum Vorteil gereicht.

Das allein erklärt aber nicht völlig die relative Krisenfestigkeit der deutschen Wirtschaft. Einen wichtigen Beitrag haben da etliche Strukturänderungen geleistet, allem voran die Hartz-Arbeitsmarktreform. Dadurch wurde das Land international wettbewerbsfähiger. Andere Länder wie Frankreich oder Griechenland haben keine vergleichbaren Neuerungen in Angriff genommen, was sie im aktuellen internationalen Vergleich schlechter dastehen lässt – und zu Klagen und Kritik an Deutschland geführt hat.

Deutschland ist als Exportmacht aus dieser Sicht „einfach zu erfolgreich“. Der ständige Leistungsüberschuss mit seinem „Übermaß“ verfügbaren Geldes hat zwar das deutsche Bankensystem relativ gut durch die Krise manövriert. Doch eben auch zur Krise beigetragen. Die enorme Summe an Sparkapital, das vor allem von ungezählten „kleinen“ Sparern kommt, konnte und können die Sparkassen und Banken nicht vollständig in Kredite weiterleiten. Daher wurde und wird das überschüssige Geld an die Landesbanken weitergegeben, „in der Hoffnung, dass die es sinnvoll investieren“. Was aber nicht nur ein partieller Fehlschluss war, sondern auch generell nicht so einfach ist, wenn der Finanzmarkt von Milliarden überschwemmt und unübersichtlich wird.

Die Folge ist bekannt: Jede Menge Geld ist in Island, im Baltikum, in Spanien und weiteren Staaten in fragwürdige Investitionen gesteckt worden, die dann im großen Katzenjammer jener Ländern mit maroder Immobilienwirtschaft und faulen Subprime-Krediten untergegangen ist. Aufgrund dessen sieht (nicht nur) Gros Deutschland in einer indirekten Mitverantwortung für das internationale Finanzmassaker. Ob nun operative Mitschuld oder nicht, auf jeden Fall wird die deutschen Steuerzahler die noch nicht voll abzuschätzende Verschuldung aufgrund der Staatsgarantien zur Reparatur der wirtschaftlichen Verwerfungen höchstwahrscheinlich teurer zu stehen kommen. Und das in einer Zukunft, die laut Gros und CEPS-Studie Deutschland im wirtschaftlichen Sinkflug begriffen sieht.

Im unteren Drittel des EU-Rankings

Es klingt zunächst paradox, wenn prognostiziert wird, dass Deutschland gerade deshalb um seine Wirtschaftkraft und –macht bangen müsse, weil hier außer bei ein paar Banken und Exportunternehmen keine größeren Defizite zu verzeichnen waren, die deutsche Wirtschaft sich also weitgehend als krisenresistent erwiesen hat. Doch diese auf langjähriger Tradition, vor allem auf dem Exporterfolg beruhende Standfestigkeit habe das Land längst „alt, satt und behäbig“ werden lassen. Selbst durch die weltweite Krise ist es daher nicht zum radikalen Umdenken gezwungen worden. Das aber, ein radikales Umdenken, sei dringend erforderlich, solle Deutschland in der nächsten Generation nicht "zum Land der Hilfsarbeiter“ mutieren und bis 2040 womöglich hinter das derzeit noch schwache Polen zurückfallen. Als Schwachpunkte zukünftiger Entwicklung werden ausgerechnet jene Merkmale angesehen, die bisher die traditionelle Stärken waren – die Facharbeitertradition und Spezialisierung auf Industriegüter. Doch ausschlaggebend werden zukünftig andere Bereiche sein.

Nun lehrt der Blick auf die osteuropäischen Länder derzeit nicht gerade das große Fürchten. Doch das könnte sich leicht ändern: „Deutschland wird im Jahr 2040 nur noch im unteren Drittel des EU-Rankings gelistet sein. … Den Deutschen geht es wirtschaftlich nicht jedes Jahr schlechter. Aber: Andere Länder wachsen schneller.“ Vor allem im überlebenswichtigen Bildungssektor.

So richtig stichhaltige Belege für seine These liefert Gros zwar nicht, wohl aber nennt er einige Anhaltspunkte und Kriterien, die in diese Richtung weisen. Und benennt – neben einer den Konsum befeuernden Steuersenkung – vor allem eins als unabdingbares Moment: – eine gründliche Reform des Bildungssektors.

Bildung als entscheidendes Zukunftsmerkmal

Die Forderung lautet: Deutschland muss mehr Akademiker ausbilden, besonders Ingenieure. Fast nirgendwo in Europa seien so wenige Arbeitskräfte in Kindergärten, Schulen und Universitäten beschäftigt wie in Deutschland. Mit einer Quote von sechs Prozent liege Deutschland weit hinter Großbritannien mit neun und Polen mit sieben Prozent. Es gebe zu viele Schulabbrecher und zu wenige Uni-Absolventen. Verknüpfe man die Akademikerquote mit den Resultaten der Pisa-Studie, liege sogar Warschau vor Berlin. „Jeder fünfte 15-jährige Deutsche kommt heute nicht über das Grundschulniveau hinaus.“
 

Das alles stimmt. Leider. Dennoch zeigt sich hier schließlich, dass das, was zunächst nach Schocktherapie aussah, so erschreckend dann doch nicht ist. Weil es nicht neu ist. Mehr oder minder Bekanntes wird nur noch einmal stramm, dabei aber durchaus  unterhaltsam zusammenfasst, was zweifellos die Dringlichkeit politischen Handelns, allem voran einer Bildungsreform, drastisch verdeutlicht. Doch erkannt ist das Problem längst, auch von der Politik. Die Frage ist eben, ob die richtigen Steuerungskorrekturen zügig in die Wege geleitet werden.

 

Alles in allem: Wer bislang nicht viel von der Finanzmarktkrise mitbekommen oder sie nicht verstanden hat, bekommt hier einen locker geschriebenen, leicht zu verstehenden Nachhilfeunterricht. Und dabei dürfte für die meisten Leserinnen und Leser der Blick auf die Wirtschaftsentwicklung der USA und Chinas und deren problematische finanzielle Verquickung der weitaus interessantere, weil allgemein weniger bekannte Teil des Weltgeschehens und damit auch dieses Buches sein. Spannend auch der Versuch, in die Zukunft zu blicken, wo die "Kinder der Welt-Eliten" zukünftig womöglich nicht mehr in den USA, sondern aus Prestigegründen an Universitäten der neuen Supermacht China studieren werden. Und wo Afrika vom Selbstbedienungsladen der Welt zur neuen Boom-Region aufsteigen wird.

 

Kleine Ärgernisse
 

In Klappentext, Vorwort und etlichen Buchpassagen der Koautorin wird Daniel Gros als „hoch renommierter Wirtschaftsexperte" sowie als "Vor- und Querdenker“ gepriesen.  Das sind ebenso beliebte wie nichtssagende, also überflüssige Titulierungen. Zudem weckt hochgradiges (Eigen)Lob eher Misstrauen. Es langt vollkommen, wenn jemand tatsächlich denkt. Und das tut Gros durchaus. Was allerdings nicht einige kleinere Merkwürdigkeiten ausschließt. Wie etwa auf der Seite 153 in dem Kapitel über Deutschland, wo „Bankbeamte“ auftauchen. („Viele Bankkunden …. haben den Bankbeamten blind vertraut.“) Die aber, die Bankbeamten, gibt es in Deutschland nicht, jedenfalls nicht bei Sparkassen und Banken, sondern allenfalls bei der Bundesbank. An die aber kommen Privatkunden, von denen in dem Textabschnitt aber ganz eindeutig die Rede ist, geschäftlich überhaupt nicht ran. Auch wurden vom Lektorat ein paar stilistische und grammatikalische Patzer übersehen. Nun verändern solche Misslichkeiten zwar weder Inhalt noch Intention des Buches, fallen aber doch beim Lesen auf.



Daniel Gros/Sonja Sagmeister: Nachkrisenzeit. Wie die erfolgreichste Denkfabrik Europas unsere Welt für die nächste Generation sieht, 2010, Verlag Ecowin, Salzburg, ISBN 978-3-902404-84-8

                                             

© Christa Tamara Kaul