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Das
Buch
des
Vaters
-
die
Aufzeichnung
eines
Lebens.
In
ihm
hat
Karl,
der
Vater,
der
Mann
der
schönen
Clara
Molinari,
niedergeschrieben,
was
er
erlebt
und
gedacht
hat
und
wie
er
empfand,
was
er
erlebt
hat.
Ob
ein
solches
Buch allen
Kindern
zu
wünschen
ist?
Damit
sie
später
einmal,
nach
dem
Tod
der
Eltern,
wenn
sie
es
lesen
dürfen,
mehr
über
ihre
Eltern
und
damit
über
sich
selbst
erfahren?
In
dem
Schweizer
Dorf,
aus
dem
der
Vater
stammt,
gehörte
es
seit
Jahrhunderten
zur
Tradition,
dass
jedes
Kind
bereits
bei
seiner
Geburt
einen
Sarg
erhält,
der
dann
bis
zum
Tod
vor
seinem
Haus
stehen
wird,
und
an
seinem
zwölften
Geburtstag,
an
dem
es
mit
einer
Initiationsfeier
als
vollwertiges
Mitglied
in
die
Gemeinschaft
aufgenommen
wird,
ein
Lebensbuch
überreicht
bekommt,
einen
in
schwarzes
Leder
gebundenen
Band
voll
leerer
weißer
Seiten
mit
Goldschnitt.
Ab
diesem
Geburtstag
gilt
es,
ein
Leben
lang
das
Wichtige
eines
jeden
Tages
zu
notieren.
Also
schreibt
der
Vater
von
seinem
zwölften
Geburtstag
an
Abend
für
Abend,
gewissenhaft,
mit
winzig
kleinen
Buchstaben,
bis
zu
seinem
letzten
Lebenstag. Doch
als
er
gestorben
ist,
hat
die
Mutter,
Clara
Molinari,
nichts
Eiligeres
zu
tun,
als
seine
Sachen
so
schnell
wie
möglich
wegzuschaffen,
und
damit
landet
auch
des
Vaters
Lebensbuch
unwiederbringlich
auf
dem
Müll.
Daher
entschließt
sich
der
Sohn,
das
Leben
des
Vaters
noch
einmal nachzuschreiben,
und
er
erzählt
über
des
Vaters
Kindheit
und
Jugend
in
der
bodenständigen
Geborgenheit
des
Schweizer
Kleinbürgertums,
über
seine
erste
Bekanntschaft
mit
kommunistischem
Ideengut
und
nationalsozialistischer
Gesinnung,
wie
er
sich
einer
Gruppe
kommunistischer
Intellektueller
und
Künstler
anschließt,
in
verräucherten
Gaststuben
bis
in
die
Nächte
hinein
heiß
diskutiert,
wie
er
schließlich,
zu
Beginn
des
Zweiten
Weltkrieges,
tatsächlich
Mitglied
der
Partei
wird
und
dann,
angesichts
von
Stalins
Terror,
schon
bald
nach
dem
Krieg
wieder
austritt.
Wir
werden
Zeugen
eines
gleichermaßen
unspektakulären
wie
ungewöhnlichen
Lebens,
das
zum
Anfang
des
letzten
Jahrhunderts
begann
und
durch
alle
Wirren
bis
weit
in
dessen
zweite
Hälfte
währt. Wir
lesen
von
großen
Visionen
und
Plänen,
von
Irrungen
und
Enttäuschungen
und
den
trotz
aller
Rückschläge
weiterlebenden
Hoffnungen
des
20.
Jahrhunderts.
Vor
allem
aber
werden
wir
Zeugen
von
Karls
Liebe
zu
Büchern,
einer
Liebe,
die
schon
Besessenheit
ist
und
die
seine
andere
große
Liebe,
die
zu
Clara,
seiner
Frau,
der
"einen
und
einzigen"
für
ihn,
in
ihrer
Rigorosität
übertrifft.
Auch
als
später
sein
Sohn
auf
die
Welt
kommt,
reicht
seine
zärtliche
Zuneigung
zu
ihm
doch
nie
wirklich
an
dieses
allumfassende
Interesse
heran,
das
er
der
Literatur
entgegen
bringt.
Begonnen
hat
sein
leidenschaftliches
Verhältnis
zur
literarischen
Welt
mit
dem
Studium
der
Romanistik.
Vor
allem
die
mittelalterlichen
Erzählungen
von
sinnesfrohen
Mönchen
und
Nonnen
ergötzten
ihn
zu
jener
Zeit
mit
ihrer
prallen
Erotik.
Doch
diese
Sinneslust
genoss
er
vornehmlich
in
den
Büchern,
weniger
im
täglichen
Leben,
wo
er
sich
zwar
nicht
uninteressiert,
doch
ziemlich
naiv
dem
anderen
Geschlecht
zuwandte.
Einen
unerreichbaren
Vorteil
besaßen
für
ihn
die
Bücher
dem
Leben
gegenüber
immer:
Er
konnte
sie
jederzeit
zumachen,
"wenn
ihm
das
Leben
in
ihnen
zuviel
wurde." Ein
Vorteil,
den
er
sein
Leben
lang
schätzt.
Mehr
noch,
seine
Sammelleidenschaft
lässt
die
Bücher
langsam
zu
Mauern
um
ihn
herum
anwachsen,
hinter
denen
er
das
Geschehen
außerhalb
nur
bedingt
wahrnimmt.
Nicht
dass
er
lebensuntüchtig
oder
ungesellig
wäre.
Er
reüssiert
in
mehreren
Berufen,
er
geht
oft
mit
Freunden
aus
und
führt
nach
der
Heirat
mit
Clara
mit
ihrer
Hilfe
ein
offenes,
gastfreundliches
Haus,
in
dem
man
oppulent
zu
feiern
versteht.
Auch
seine
lustvolle
und
zärtliche
Liebe
zu
Clara
ist
ihm
kostbar
und
übersteht
die
Zeit,
und
dennoch
kommt
ihm
der
Realitätssinn
zunehmend
abhanden.
Vor
allem
fehlt ihm
ganz
offenbar
eine
wirklich
innere
Beziehung
zu
seiner
Frau.
Denn
nie
erschließt
sich
ihm
ihr
tragisches
Geheimnis,
ihre
ebenso
hoffnungslose
wie
unauslöschliche
Liebe
und
Leidenschaft
zu
Edwin
Schimmel,
dem
großen
Musiker,
für
den
er
letztendlich
nur
der
"Ersatzmann"
ist.
Und
da
der
Vater
dieses
Geheimnis
nie
ergründet
hat,
erfahren
wir
es
auch
nicht
aus
dem
Buch
des
Vaters.
Doch
es
gibt
noch
ein
Buch
der
Mutter
mit
dem
Titel
"Der
Geliebte
der
Mutter",
in
dem
der
Sohn
deren
Leben
erzählt.
In
dieser
Erzählung,
also
im
Bewusstsein
der
Mutter,
kommt
der
Vater
nur
als
Randfigur
vor.
Dieses
Buch-Paar
zeigt
auf
das
Feinsinnigste
die
Geschichte
eines
Menschenpaares
auf
eine
Art,
wie
sie
bisher
in
der
Literatur
noch
nicht
vorkam.
Jedes
der
beiden
Bücher
steht
in
vollkommener
Autonomie
für
sich
selbst
und
ist
auch
allein
sowohl
geistiges
wie
sinnliches
Lesevergnügen.
Doch
zusammen
sind
sie
ein
ein
in
dieser
Form
neuartiges
Meisterwerk
psychologischer
Beobachtung
und
sprachlicher
Darstellung.
Wobei
die
Sprache
mit
ruhiger
Zurückhaltung,
unspektakulärem
Witz
und
kühler
Ironie,
aber
nie
mit
Häme
einen
unübertrefflich
effektvollen
Konterpart
zu
dem
teilweise
dramatischen
Geschehen
bietet.
Eine
unsentimentale
Liebeserklärung
an
die
Eltern
und
eine
literarische
Glanzleistung.
Textauszug: Mit
Kommunisten
kam
mein
Vater
erst
in
den
dreißiger
Jahren
zusammen.
Er
war
nun
auch
um
die
Dreißig
und
ein
junger
Intellektueller
geworden.
Er
sah
auch
so
aus;
Brille,
beginnende
Glatze,
Zigarette
im
Mundwinkel.
Er
rauchte
immer,
auch
wenn
er
sprach,
las
oder
aß,
und
seine
neuen
Freunde,
die
Kommunisten,
fragten
ihn,
wie
er
denn
schlafe
oder
küsse. Kein
Problem,
antwortete
mein
Vater.
Er
küsse
wenig,
und
er
schlafe
noch
weniger.
Die
Freunde
rauchten
auch,
und
sie
tranken,
anders
als
mein
Vater,
gern
und
viel.
Sie
waren
alle
Maler
-
ein
einziger
von
ihnen
war
ein
Architekt.
.............
Er
war
jetzt
Lehrer
an
einem
just
neu
gegründeten
Gymnasium,
das
auf
das
Altgriechische
verzichtete,
auch
das
Latein
nicht
so
intensiv
pflegte,
wie
das
das
Humanistische
Gymnasium
tat.
Er
unterrichtete
Französisch,
hie
und
da
auch
Deutsch.
(Gleich
zu
Beginn
wollte
ihm
der
Direktor
der
Schule
auch
je
zwei
Wochenstunden
Religion
und
Turnen
andrehen.
Aber
der
Vater,
ein
Atheist
mit
einer
Kindheit,
die
ihn
bibelfest
gemacht
hatte,
beantwortete
jedes
Argument
des
Rektors
mit
einem
Bibelwort,
bis
dieser
aufgab
und
ihn
vom
Religionsunterricht
entband.
Blieb
das
Turnen.
Er
gab
zwei
Lektionen,
aber
als
er
die
ersten
Schwimmstunden
mit
Mantel
und
Hut
erteilte
-
er
konnte
nicht
schwimmen
-,
wurde
er
auch
vom
Turnen
entlastet.)
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Autorenportrait:
Urs
Widmer
wurde
am
21.5.1938
in
Basel
geboren.
Seine
bildungsbürgerliche
Familie
und
ein
literarisch
geprägtes
Umfeld
beeinflussten
ganz
sicher
sein
schriftstellerisches
Talent:
Der
Vater
war
der
Gymnasiallehrer,
Literaturkritiker
und
Übersetzer
Walter
Widmer,
der
seinem
Sohn
die
»Liebe
zu
den
Wörtern
ohne
Niveau,
den
sogenannt
unanständigen
Wörtern«,
weitervererbt
hat.
Urs
Widmers
Deutschlehrer
im
Realgymnasium
war
der
Schriftsteller
Rudolf
Graber.
Heinrich
Böll
war
gern-
und
oft
gesehener
Gast
im
Hause
An
der
Universität
Basel
studierte
er
Germanistik,
Romanistik
und
Geschichte.
Daran
schlossen
sich
zwei
Jahre
an
den
Universitäten
von
Montpellier
und
Paris
an,
und
schließlich
schrieb
der
seine
Doktorarbeit
über
die
deutsche
Nachkriegsliteratur.
Urs
Widmer
arbeitete
zunächst
als
Lektor
beim
Walter
Verlag
in
Olten,
bevor
es
ihn
1967
nach
Frankfurt
am
Main
zog,
wo
er
Lektor
im
Suhrkamp
Verlag
wurde.
Ob
ihn
wirklich
die
Enge
der
Schweiz
veranlasste,
in
die
›große
Welt‹
zu
gehen,
oder
ob
der
Zufall
vor
jeder
Absicht
stand:
beide
Ansichten
vertrat
Urs
Widmer
in
Interviews,
und
beide
schließen
einander
nicht
aus.
Frankfurt
gefiel
ihm,
er
blieb
17
Jahre
lang
dort,
im
Suhrkamp
Verlag
blieb
er
allerdings
nur
bis
1968.
Mit
anderen
Lektoren
rief
er
den
›Verlag
der
Autoren‹
ins
Leben.
Kurz
nach
der
Gründung
wurde
er
mit
seinem
Erstling
›Alois‹
selber
zum
Autor,
zu
einem,
dem
es
nicht
genügt,
»wenn
Literatur
nur
den
Ist-Zustand
schildert.
Sie
muss
auch
utopische
Qualitäten
haben.
Man
muss
daran
erinnern,
dass
die
Welt
einmal
schön
war.«
Widmers
Liste
der
Auszeichnungen
ist
mittlerweile
lang:
1974
erhielt
er
den
Karl-Sczuka-Preis
des
Südwestfunks
Baden-Baden,
1976
den
Hörspielpreis
der
Kriegsblinden
für
›Fernsehabend‹,
1985
den
Preis
der
Schweizer
Schillerstiftung
für
sein
Gesamtwerk.
und
1989
den
Basler
Literaturpreis
für
sein
Gesamtwerk.
1989
folgte
die
Ehrengabe
des
Kantons
Zürich
für
›Der
Kongreß
der
Paläolepidopterologen‹
und
1992
der
Preis
des
Südwestfunk-Literaturmagazins
für
die
Erzählung
›Der
blaue
Siphon‹.
1994
wurde
er
in
die
Deutsche
Akademie
für
Sprache
und
Dichtung
aufgenommen,
und
1995
verlieh
die
Stadt
Zürich
den
Kunstpreis
für
Literatur
für
sein
Gesamtwerk.
Doch
damit
nicht
genug,
es
folgten
1997:
Kunstpreis
der
Gemeinde
Zollikon
für
sein
Gesamtwerk,
1997:
3sat-Innovationspreis
für
das
Theaterstück
›Top
Dogs‹,
1997:
Mülheimer
Dramatikerpreis
für
›Top
Dogs‹.
1997
kürte
ihn
die
Zeitschrift
›Theater
heute‹
für
›Top
Dogs‹
zum
Autor
des
Jahres.
1998:
Heimito
von
Doderer
Literaturpreis
für
sein
Gesamtwerk.
1999:
Aufnahme
in
die
Akademie
der
Künste
Berlin-Brandenburg.
1999:
Kulturpreis
der
Gemeinde
Riehen
für
sein
Gesamtwerk.
<<<
zurück
Urs
Widmer:
Das
Buch
des
Vaters.
Roman,
2004,
Leinen,
224
S.
Diogenes
Verlag
AG,
Zürich
ISBN
3-257-06387-3
Diogenes-Verlag
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