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"Fast
alles,
was
wir
'höhere
Kultur'
nennen,
beruht
auf
der
Vergeistigung
und
Vertiefung
der
Grausamkeit
-
dies
ist
mein
Satz;
jenes
'wilde
Tier'
ist
gar
nicht
abgetötet
worden,
es
lebt,
es
blüht,
es
hat
sich
nur
–
vergöttlicht",
meinte
Nietzsche
in
"Jenseits
von
Gut
und
Böse".
Nun
ist
die
"höhere
Kultur"
längst
an
sich
selbst
müde
geworden,
die
Eingeweihten
leben
im
"inner
circle",
die
Kunst
findet
wieder
vornehmlich
im
Saale
statt
–
und
was
Nietzsche
trotz
Dionysos
so
nicht
prognostizierte:
Theater
der
Grausamkeit,
Primärprozess
und
Abreaktionsspielchen
haben
sich
seit
Jahrzehnten
einer
Kulturnische
bemächtigt,
die
hohe
Kunst
entsublimiert,
die
Schutzwälle
der
höheren
Geistigkeit
gegen
die
dunklen
Triebe
mit
Pathos
und
Getöse
niedergerissen.
Das
System
Kunst
lässt
also
auch
wieder
die
Hunde
aus
dem
Keller,
die
zuvor
der
Kultur
weichen
mussten.
"Schluss
mit
den
Meisterwerken"
hatte
Antonin
Artaud
gerufen.
Seinem
"Theater
der
Grausamkeit"
sollte
die
Zukunft
gehören,
wobei
es
auch
darum
ginge
zu
wissen,
"ob
ein
bisschen
wirkliches
Blut
erforderlich"
sei,
um
wahre
Grausamkeit
zu
zeigen.
Geht
es
nach
Wolfgang
Flatz
gehört
sogar
sehr
viel
Blut
dazu.
Nun
hat
auch
Wolfgang
Flatz
eine
totes
Rindvieh
fliegen
und
milde
explodieren
lassen.
The
same
procedure
as
every
year:
ein
Ritual
als
Medienspektakel
zwischen
Verwaltungsgericht,
Presse
und
moderat
erregtem
Publikum.
Anders
als
in
den
wilden
60er
Jahren
des
Orgien-
und
Mysterientheaters
von
Hermann
Nitsch,
Otto
Muehl
oder
Günter
Brus
will
die
Entrüstung
nicht
so
richtig
laut
werden.
Selbst
die
Justiz
eignet
sich
nicht
mehr
als
strenge
Sittenpolizei,
die
zu
Kaisers
Zeiten
noch
Postkarten
von
Meisterwerken
inkriminierte,
weil
sie
als
Masturbationsvorlagen
gefährlich
werden
könnten.
Die
Wiener
Protagonisten
der
heidnischen
Opferkunst
hatten
weiland
im
Dauerbeschuss
von
Richtern
und
Staatsanwälten
Tiere
geschlachtet,
geschächtet
und
gekreuzigt.
Unmengen
von
Tiereingeweiden
und
-blut
ergossen
sich
über
Akteure
und
Bühnen:
eine
Kunst,
die
sich
ihrer
Herkunft
aus
der
unvordenklichen
Zeit
der
Opferkulte
zu
besinnen
glaubte,
aber
auch
eine
Kunst,
die
ein
ambivalentes
Verhältnis
zu
den
selbst
aus
heidnischen
Kulten
adaptierten
Blutmetaphern
des
christlichen
Abendmahls
einging.
Tieropfer
und
blutiges
Ritual
sollten
den
domestizierten
Menschen
wieder
vom
Unbehagen
an
der
Zivilisation
befreien
und
zugleich
dieses
Unbehagen
ausdrücken.
Bazon
Brock
etikettierte
die
Blutaktion
von
Flatz
nun
als
die
Sehnsucht
einer
vom
Wohlstand
verwahrlosten
Gesellschaft
nach
künstlichen
Blutorgien.
Weil
in
einer
von
Krieg
und
Not
befreiten
Spiel-
und
Spaßgesellschaft
nichts
mehr
existenziell
bedrohlich
sei,
müsse
der
"Ernstfall"
in
solchen
Aktionen
nachgespielt
werden.
Obwohl
Brock
selbst
in
den
erregten
Spektakeln
von
Fluxus
und
Neodada
groß
geworden
ist,
ist
das
heute
für
ihn
keine
Kunst
mehr.
Sicher
-
Flatz
ist
ein
Kunstrecycler
von
jenen
in
die
Jahre
gekommenen
Provokationsstandards,
die
immer
weniger
Hoffnung
auf
ein
wirklich
beteiligtes
Publikum
eröffnen,
von
existenzieller
Betroffenheit
jenseits
des
Feuilletons
ganz
zu
schweigen.
Ob
das
nun
Kunst
ist
oder
nicht,
ist
heute
so
Wurscht,
wie
das
Rindfleisch,
aus
dem
sie
gemacht
ist.
Um
Bewusstsein
gegenüber
der
geschundenen
Kreatur,
gegenüber
grausamer
Naturbeherrschung,
die
sich
als
Zweckrationalität
tarnt,
zu
entwickeln,
bedarf
es
kaum
mehr
der
Kunst.
Längst
haben
sich
seit
den
Tagen
des
Orgien-
und
Mysterientheaters
viele
künstlerische
Aktionsformen
in
politische
Protestformen
gewandelt,
die
sich
den
Mythos
sparen,
um
die
Sache
gleich
mit
ihrem
Namen
zu
denunzieren.
Noch
letzten
Herbst
legten
Unbekannte,
vermutlich
radikale
Tierschützer,
eine
tote
Kuh
vor
das
Museum
of
Contemporary
Art
in
Sidney.
Auch
ein
mit
oranger
Farbe
bemalter,
drei
Meter
langer
Tigerhai
tauchte
in
einer
Fußgängerzone
der
australischen
Stadt
weiland
auf,
ohne
den
Betrachter
mit
der
unentscheidbaren
Frage
zu
quälen,
ob
das
nun
Kunst
oder
Tierschutz
oder
beides
zugleich
sei.
"Bei
dem
Degenerationszustand,
in
dem
wir
uns
befinden,
wird
man
die
Metaphysik
via
Haut
wieder
in
die
Gemüter
einziehen
lassen
müssen"
verkündete
Antonin
Artaud.
Kunst
und
Metaphysik
mutieren
heute
zur
Zivilisationskritik,
die
bereits
von
den
Boulevard-Zeitungen
auf
das
Vorzüglichste
bedient
wird:
Von
BSE,
Maul-
und
Klauenseuche,
über
die
Tierfolterkammern
der
Pharmaforschung
bis
zu
den
elenden
Legebatterien
für
das
Frühstücksei
sind
die
Naturmassaker
längst
in
den
Dauerfokus
der
öffentlichen
Aufmerksamkeit
gerückt.
Tiere
ohne
Rechte
Und
was
sagt
das
tote
Rindvieh
–
der
geflatzte
Bulle
Bodo
-
auf
dem
Dach
des
Schlachthauses
"Erde"
selbst
dazu?
"Ich
fürchte,
die
Tiere
betrachten
den
Menschen
als
ein
Wesen
ihresgleichen,
das
in
höchst
gefährlicher
Weise
den
gesunden
Tierverstand
verloren
hat,
-
als
das
wahnwitzige
Tier,
als
das
lachende
Tier,
als
das
weinende
Tier,
als
das
unglückselige
Tier"
spricht
Nietzsche
für
die
Kreatur.
Aber
wer
hört
schon
auf
Tiere?
So
lautet
es
zwar
in
§
1
des
Tierschutzgesetzes:
"Niemand
darf
einem
Tier
ohne
vernünftigen
Grund
Schmerz,
Leid
oder
Schäden
zufügen."
Gemäß
§
3
Nr.
6
TierSchG
ist
es
auch
verboten,
"ein
Tier
zu
einer
Filmaufnahme,
Schaustellung,
Werbung
oder
ähnlichen
Veranstaltung
oder
aus
künstlerischen
Gründen
heranzuziehen,
sofern
damit
Schmerzen,
Leiden
oder
Schäden
für
das
Tier
verbunden
sind".
Aber
einfaches
Bundesrecht
wie
das
Tierschutzgesetz
zieht
dann
den
Kürzeren,
wenn
es
mit
der
Freiheit
der
Kunst
und
des
Künstlers
aus
Art.
5
Abs.
3
GG
kollidiert.
Die
Kunst
ist
nach
dem
Grundgesetz
frei,
aber
–
in
verfassungsrechtlicher
Logik
–
gleichwohl
nicht
schrankenlos
gewährt.
Rechte
Dritter,
hochrangige
Verfassungsgüter
oder
das
Sittengesetz
können
künstlerischem
Übermut
entgegenstehen.
Die
Rechte
von
Tieren
sind
für
Verfassungsjuristen
in
diesen
ungeschriebenen
Schranken
gleichwohl
nicht
zu
verankern.
Allein
das
Sittengesetz
markiert
für
eine
verfassungsrechtliche
Mindermeinung
eine
schwache
Auffangposition,
die
auch
einen
rechtlichen
"Platz
für
Tiere"
eröffnet.
Aber
was
verstößt
heute
schon
gegen
die
guten
Sitten?
Bekannt
wurde
in
diesem
Zusammenhang
die
Performance
der
Kasseler
Künstlerin
Siglinde
Kallnbach,
die
einen
Wellensittich
in
eine
klebrige
Eimasse
tunkte,
sodass
die
Federn
verklebt
wurden
und
das
Tier
vorübergehend
flugunfähig
war.
Für
die
Künstlerin
sollte
das
-
zum
40-jährigen
Jubiläum
der
Bundesrepublik
Deutschland
-
eine
Warnung
vor
den
Gefahren
des
Neofaschismus
sein
und
zugleich
Hinweis
auf
die
Not
misshandelter
Frauen,
Kinder
und
Andersdenkender.
Hermeneutik,
ick
liebe
dir!
Was
die
Künstlerin
unter
den
Klängen
der
deutschen
Nationalhymne
präsentierte,
brachte
ihr
zwar
eine
Strafanzeige
wegen
Tierquälerei
ein.
Das
Amtsgericht
Kassel
stellte
indes
fest,
dass
die
Vorschriften
des
Tierschutzgesetzes
durch
die
vorbehaltlose
Verfassungsnorm
der
Kunstfreiheitsgarantie
ausgehebelt
würden,
solange
der
Tierschutz
eben
nicht
verfassungsrechtlich
geregelt
sei
(NStZ
1991,
443
f.).
In
einem
anderen
Fall
wurden
bei
einer
Theateraufführung
Tiere
auf
offener
Bühne
getötet.
Auch
hier
mischte
sich
die
Justiz
nicht
mehr
ein,
da
der
Tierschutz
–
trotz
jahrelanger
Bemühungen
-
nicht
einmal
als
Staatsziel
im
Grundgesetz
normiert
ist.
So
kann
also
die
experimentelle
Kunst
der
Tierversuche
als
Protest
gegen
die
Tierversuche
ihr
paradoxales
Geschäft
weiter
betreiben,
ohne
ein
geschundenes
Rindvieh
als
Kläger
befürchten
zu
müssen.
Wenn
auch
Tiere
nach
§
90
a
des
Bürgerlichen
Gesetzbuchs
keine
Sachen
sind,
werden
sie
gleichwohl
weiter
so
behandelt.
Der
Philosoph
Haeckel
wies
darauf
hin,
dass
seit
Descartes
(1643)
nur
der
Mensch
eine
wahre
"Seele"
und
somit
Empfindung
und
freien
Willen
besitze,
dass
hingegen
die
Tiere
Automaten,
Maschinen
ohne
Willen
und
Empfindung
seien.
Selbst
der
Universalethiker
Kant
hatte
für
das
Seelenleben
der
Tiere
wenig
Sinn
und
sein
psychologisches
Studium
auf
den
Menschen
beschränkt.
In
Verbindung
mit
einem
Kunstbegriff,
der
sich
nicht
erst
seit
Joseph
Beuys
und
dem
russischen
Proletkult
(Kunst
=
Leben)
zur
Allzuständigkeit
entgrenzt,
wird
das
zu
einer
brisanten
Mischung
für
die
bedrohte
Tierwelt.
Schon
Kurt
Schwitters
dekretierte:
"Alles,
was
der
Künstler
spuckt
ist
Kunst"...
und
wo
man
so
künstlerisch
hinspuckt,
da
keimen
und
wuchern
die
Kunstbiotope
auch
sogleich.
Damien
Hirst
wurde
mit
eingelegter
Bioware
zum
Superhai
im
britischen
Kunstkarpfenteich.
Aber
nicht
nur
vor
Haien
in
Formaldehyd,
auch
angesichts
kopulierender
Rinderkadaver
reflektiert
der
Artist
angestrengt
über
den
Tod.
Systemtheoretisch
heißt
das
heute
nicht
viel
mehr
als:
über
seine
eigene
Selbstreproduktion
im
Kunstsystem.
Aber
sitzt
die
Kunst
nicht
inzwischen
selbst
wie
ein
verängstigtes
Kaninchen
vor
der
Medienschlange
und
weiß
nicht
so
Recht,
welches
bis
zur
Unkenntlichkeit
eingeschrumpfte
Tabu
morgen
noch
ein
quiekend-quäkendes
Lebenszeichen
von
sich
geben
wird.
"Man
nehme
einen
Bildband
über
die
abendländische
Malerei,
schlage
sein
Lieblingsbild
auf,
durchlöchere
mit
Hilfe
eines
scharfen
Messers
das
Buch
von
rückwärts
und
zwänge
seinen
Penis
mitten
in
die
abendländische
Malerei.
Man
betrachte
5
Minuten
angestrengt
die
entstandene
Montage
und
denke
konzentriert
über
Kunst
nach...nur
auf
diese
Weise
ist
die
Kunst
zu
retten".
Denkste!
Otto
Muehls
Kunstbewusstseinsrettung
und
Kitzeln
am
Tabu
konnte
schon
1966
nicht
einmal
der
Justiz
mehr
als
ein
Achselzucken
entlocken.
Nun
könnte
man
die
Blut-
und
Hoden-Künstler
und
ihre
blutigen
Exkursionen
ins
Tierreich
in
Schutz
nehmen.
Wer
in
süddeutschen
Wirtshäusern
und
Provinzschlössern
die
abgeknallten
Acht-
bis
Sechzehnender
betrachtet,
die
scheel
blickenden
Tierköpfe
als
Wandschmuck
über
dem
Mittagstisch,
kann
in
Flatz
und
Kollegen
allenfalls
noch
Provokateure
gesellschaftlich
paradoxer
Differenzierungen
sehen
–
unweit
auch
jener
altholländischen
Metzger,
die
sich
Tierstillleben
malen
ließen,
um
ihrer
blutigen
Kunst
eine
höhere
beizumischen.
All
das
kommt
heute
bequem
und
für
den
Kunstbetrieb
leichtbekömmlich
auch
ohne
das
Fundamentalwissen
von
Adolf
Frohner
aus:
"Blut
ist
das
Fließende.
Blut
ist
Leben
und
auch
Tod.
...
Blut
ist
bei
den
meisten
Lebewesen
rot.
Blut
bedeutet
in
der
russischen
Sprache
zugleich
"schön".
Auf
diese
Weise
kommt
das
Blut
schon
allein
über
die
Ästhetik
in
die
bildende
Kunst...
Auch
die
Künstler
schlagen
ja
Wunden
-
sie
sollen
sie
schlagen.
Wer
Wunden
schlägt,
soll
auch
Blut
sehen
können....
Die
modernen
Medien
überschwemmen
uns
geradezu
mit
Opfertoten."
Eben
darum
ist
das
Ritual
als
Selbstbespiegelung
keins
mehr.
Auch
Wolfgang
Flatz
ist
so
ein
Blutschäumer,
obwohl
schon
genug
Blut
fließt
und
geflossen
ist,
um
jenseits
seiner
metaphorischen
Veredelungen
dem
Bewusstsein
noch
auf
die
Sprünge
zu
helfen.
Oder
steht
er
gar
in
der
Tradition
der
Selbstgeißler,
die
sich
selbst
hart
für
ihre
Sünden
bestraften,
um
bei
einem
zürnenden
Gott
Gnade
zu
finden,
sie
vor
der
Pest
zu
verschonen?
Artaud
gab
zwar
die
Parole
"Grausamkeit"
aus,
aber
so
Recht
wollte
er
gleichwohl
die
Identifikation
des
Schreckens
durch
den
inszenierten
Schrecken
nicht
allein
mit
Blut
markieren:
"...
man
kann
sich
sehr
wohl
eine
reine
Grausamkeit,
ohne
Zerreißung
des
Fleisches,
vorstellen."
Grausamkeit
sei
"nicht
gleich
bedeutend
mit
vergossenem
Blut,
mit
Märtyrerfleisch
und
gekreuzigtem
Feind".
Jene
Kunst,
die
dagegen
angeblich
glaubt,
den
Teufel
durch
Beelzebub
austreiben
zu
müssen,
sollte
darüber
reflektieren,
warum
sie
nicht
gleich
Menschen
tötet,
um
endgültig
zu
kapieren,
dass
dem
Tabubruch
um
seiner
selbst
willen
heute
längst
keine
Bewusstseinserweiterung
mehr
zukommt.

Original-Artikel-URL:
http://www.telepolis.de/deutsch/special/auf/9138/1.html
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