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Mit und ohne Kopftuch - Muslima in Deutschland 

Zum Rechtsverständnis und Frauenbild im Islam

 

Die Reize der muslimischen Frau als Politikum 

Mona Naggar

Körper und Sexualität der Frau, oft verkürzt in der Schleierfrage wiedergegeben, sind seit Anbruch der Moderne ein Feld, auf dem verschiedene Auseinandersetzungen stattfinden. Es finden Auseinandersetzungen statt sowohl zwischen Vertretern des Westens und der islamischen Welt  als auch zwischen Vertretern verschiedener Lager innerhalb der islamischen Welt. Es geht dabei um Politik, um die Frage der Kolonisierung, um den Grad der Verwestlichung und um die Moderne. Die Kleidung der Frau ist zur Metapher für den Zustand der Gesellschaft geworden.

Folgende Beispiele sollen das verdeutlichen:


Algerien:
1830 besetzte Frankreich Algerien. Das nordafrikanische Land sollte ein Teil des französischen Mutterlandes werden. Die französischen Kolonialisten begriffen von Anfang an die Religion als Hauptunterscheidungsmerkmal zu den Algeriern und bestimmten ihn zum gemeinsamen Nenner aller Algerier, ungeachtet der stammestypischen und regionalen Unterschiede, die für die Algerier von immenser Bedeutung waren.


Frankreich versuchte das Land radikal umzuwälzen, auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene: Ansiedlung französischer Bauern, Zerschlagung der Stammes- und Familienstrukturen. In diesen Zusammenhang fällt auch der Diskurs um die Stellung der algerischen Frau.
Franz Fanon schreibt über die französische Position: "Wenn wir die Struktur der algerischen Gesellschaft zerstören wollen, ihre Fähigkeit zum Widerstand, müssen wir als erstes die Frauen erobern, wir müssen uns daran machen, sie hinter dem Schleier zu finden, wo sie sich verstecken und in den Häusern, wo die Männer sie außer Sicht halten." 

Für die Kolonialmacht wurde der Schleier zum Symbol von überkommenen Strukturen, die abgeschafft werden sollten. Ziel war die Anpassung an französische Verhältnisse.
Es entstanden von französischer Seite Hilfsorganisationen zur Unterstützung der algerischen Frau. Sie verteilten hauptsächlich Lebensmittel an Frauen in den verschiedenen Wohnvierteln der Städte. Sie wurden ermutigt, das äußere Symbol der Unterdrückung, den Schleier, abzunehmen. Es gab öffentliche Entschleierungsaktionen.

Von offizieller Seite wurden auch Maßnahmen eingeführt, wie die Heraufsetzung des Mindestheiratsalter oder Schulangebote für Frauen und Mädchen -  oder auch Radiosendungen zum Thema Frauenrechte. Alles an sich begrüßenswerte Maßnahmen, die aber den Zweck hatten, die algerische Frau zu assimilieren.

Auf der anderen Seite griff der antikoloniale Widerstand auch zum Geschlechterdiskurs, und er wurde zum zentralen Thema der Auseinadersetzung. Die Frau wurde zur Hüterin der arabisch-islamischen Werte und zum Symbol der religiösen und kulturellen Identität. Für viele algerische Männer symbolisierte eine unverschleierte algerische Frau die Kapitulation gegenüber den europäischen Kolonisatoren.

Also ein Dilemma für die algerischen Frauen, die sowohl die Emanzipation als auch die Befreiung von der Kolonisation anstrebten. Die algerische Soziologin und Feministin Marie-Aimée Lucas, die aktiv am Unabhängigkeitskampf beteiligt war, schreibt: "Wie konnten wir also das Problem des Schleiers als Unterdrücker der Frauen aufgreifen, ohne sowohl die Nation als auch die Revolution zu verraten? Viele junge Frauen, sogar solche, die in liberalen Familien aufgewachsen waren, trugen freiwillig den Schleier als Demonstration ihrer Zugehörigkeit zum unterdrückten algerischen Volk ... Wir erkannten nicht die Konsequenzen solch einer ideologischen Verwirrung. Auch wir hatten Angst, das Volk, die Revolution und die Nation zu verraten. An keinem Punkt sahen wir, dass auf unserer geistigen Verwirrung eine Machtstruktur errichtet wurde, die sich auf die Kontrolle des Privatlebens und der Frauen stützte ..."

Ägypten:
Oft wird das Jahr 1798, das Jahr in dem Napoleon in Ägypten einmarschierte, als Schlüsseldatum für die arabische Welt angesehen. Die Europäer drangen tief in die islamische Welt ein und besetzten innerhalb kürzester Zeit und ohne viel Widerstand die Hauptstadt Kairo. Der Schock war groß (kann man gut nachlesen beim ägyptischen Historiker Djabarti, der die französische Besatzung dokumentierte - liegt auch auf deutsch vor). Ein Schock deshalb, weil die muslimische Elite erkennen musste, wie weit die islamische Welt gegenüber den "Franken" zurückgefallen war. So wird das Jahr 1798 und die anschließenden Reformaktivitäten des Herrschers Mohammed Ali zum Beginn der Moderne in der arabischen Welt.

Mohammed Ali (regierte ab 1805) schickte Studentenmissionen nach Frankreich, begann mit Reformen (auch im Bereich der Bildung). Das 19. Jh. wird die Phase der Nahda genannt (arabische Renaissance), auf die viele Araber bis heute neidisch zurückblicken.

In dieser Zeit fallen auch die Anfänge der modernen islamischen Reformbewegung, die viele Fragen aufwarf, die bis heute aktuell sind, u.a. auch die Gründe für soziale Missstände in der islamischen Welt (Missbrauch der Polygamie, Scheidungsrecht, Gesichtsschleier, Abschließung der Frauen).

In der zweiten Hälfte des 19. Jh. (1882) kam Ägypten zunehmend unter britischem Einfluss. Das britische Protektorat verwaltete das Land und hatte nicht vor, Ägypten sozial tiefgreifend zu verändern, wie im Fall von Algerien. Ende des 19. Jh. kam es zu hitzigen Diskussionen über die Stellung der Frau und über den Schleier, der auch von der Kolonialmacht beeinflusst wurde, aber nicht nur.

Qasim Amin (gehörte der Oberschicht an, studierte in Frankreich Jura, vertrat pro-britische politische Positionen) forderte (in dem Buch Tahrir al-Mar´ra, erschienen 1899) die Monogamie, die Abschaffung des Gesichtsschleiers, Einschränkung der Scheidungsmöglichkeiten für Männer und mehr Bildung für Frauen. Für Amin ist der Schleier ein unüberwindliches Hindernis  ihrer Weiterentwicklung, somit auch ein Hindernis für den Fortschritt der gesamten Nation.

Lord Cromer, der britische Generalkonsul in Ägypten, schreibt:
"Der Engländer kam mit der festen Idee nach Ägypten, dass er eine Mission zu erfüllen habe, dass er der großen Masse der Bevölkerung Wohltaten bringen soll. Da stehen diese neun oder zehn Millionen eingeborenen Ägypter auf der niedrigsten Stufe der sozialen Leiter, eine arme unwissende, leichtgläubige, aber dabei liebenswürdige Rasse ..."

Wie bei den französischen Kolonisatoren spielten auch bei Cromer die Stellung der Frau eine wichtige Rolle:
"Es kann nicht bezweifelt werden, dass die Abgeschiedenheit der Frauen eine verderbliche Wirkung auf die orientalische Gesellschaft ausübt, ... in dem sie die Interessensphäre einer Frau auf einen sehr eng begrenzten Horizont beschränkt, ..."

Für Cromer bildet die Stellung der Frau ein "verhängnisvolles Hindernis" für den zivilisatorischen Aufschwung. Ihm schwebt die Anpassung der muslimischen Frau an das Modell der englischen Hausfrau und Mutter vor. In seinem eigenen Land vertritt er eine konservative Haltung gegenüber den Frauenrechten und den Forderungen der Frauenbewegung. Er war ein entschiedener Gegner des Frauenwahlrechts und hat sich in einem Verein dagegen engagiert.

Qasim Amins Forderungen sind eingebettet in die absolute Bewunderung für die zivilisatorische Leistung der Europäer. Für ihn ist die amerikanische und europäische Zivilisation die höchste Stufe der Entwicklung und sollte als Vorbild dienen.

Der Gegenpart zu Qasim Amin ist Tal´at Harb, der antikoloniale-nationalistische Positionen einnahm. Er verteidigt den Schleier (Gesichtsschleier) und die Abschließung der Frau, greift Qasim Amin an, wegen seiner glorifizierenden Haltung gegenüber den Europäern.

Aber unabhängig von der Auseinandersetzung zwischen Amin und Harb gab es zu jener Zeit in Ägypten eine lebhafte Diskussion um Frauenrechte, an die sich auch Ende des 19. Jh. zunehmend Frauen beteiligten. Z.B. Malak Hifni Nasif (1886-1918 war als Lehrerin ausgebildet. Sie arbeitete bis zu ihrer Heirat in diesem Beruf). Sie ging in mehreren Zeitungsartikeln auf die Forderung einiger ägyptischer Männer ein, den Schleier abzuschaffen. Sie war gegen die Abschaffung des Schleiers, nicht aus den üblichen konservativen Gründen, weil sie sowieso nicht daran glaubte, dass die Religion den Schleier auferlegt hat. Sie vertrat auch nicht die Meinung, dass eine verschleierte Frau angeblich ehrbarer sei als eine unverschleierte. Sie war gegen Entschleierung, weil die Frauen sich an das Tragen des Schleiers gewöhnt hätten. Es wäre falsch ihnen zu befehlen, den Schleier abzunehmen. Das einzige Ergebnis der Entschleierung wäre nicht ein Gefühl von Freiheit, sondern sich den Belästigungen der Männer auf der Straße aussetzen zu müssen.

Für Nasef waren die wichtigsten Forderungen Bildung für Frauen und die Reform des Personenstandsrechts.

In der Türkei und im Iran gibt es ebenfalls Beispiele für die Verknüpfung der Frauenfrage, insbesondere des Kopftuches/Schleiers/Tschador mit dem Anschluss an die westliche Welt. Im Zuge der von Atatürk durchgeführte Modernisierung wurden die Frauenrechte zum Symbol des Fortschritts. Frauen waren die Avantgarde der Republik, unter Führung der Männer. 

Zusammenfassung: 

Die eine Seite fordert von den Frauen die islamischen Sitten/Bestimmungen (oder das, was als islamisch erscheint) aufzugeben, also europäisch zu werden, das wäre ein Zeichen des Fortschritts. Die andere Seite setzt entgegen: Wenn die Frauen den Schleier aufgeben, dann haben sie ihre islamische Identität aufgegeben und ahmen den Westen nach.

Die Wissenschaftlerin Leila Ahmed meint, dass der Westen im Rahmen des kolonialen Diskurses den Anfang gemacht hat, den Schleier definierte und als Symbol der Unterdrückung auffasste. Im Gegenzug wurde er für die andere Seite zum Symbol des Widerstandes. Diese Symbolträchtigkeit hat der Schleier beibehalten.

Ab den 70er Jahren des 20. Jh. hat der Schleier in den islamischen Ländern an Bedeutung zugenommen. In den 50er und 60er Jahre war das Schleiertragen zurückgegangen. Aus heutiger Sicht wirkt diese Zeit auf uns sehr freizügig.

Türkei: 
Seit den 80er Jahren greifen vermehrt junge gebildete türkische Frauen zum Kopftuch. Dieses Phänomen ist keine Fortsetzung der traditionellen islamischen Gewohnheiten, und die Frauen ahmen auch nicht ihre Mütter nach. Im Gegenteil. Mit ihrer Hinwendung zum Islam setzen sie sich von ihren Familien ab. Die Soziologin Nilüfer Göle spricht von aktiver Inbesitznahme kultureller Symbole von Frauen, die die traditionelle Lebensweise zur modernen Lebensweise durchschreiten. Der kategorische Gegensatz von Tradition und Moderne wird aufgehoben. Der Schleier dient den Frauen als Sicherheit und Schutz. Göle sieht die Verschleierung der jungen ehrgeizigen Frauen als Aufbruch in die Moderne unter In-Dienst-Nahme der Tradition.

Diese In-Dienst-Nahme der Tradition kann sich zum Nachteil der Frauen wenden, wenn sie ein Teil der Strategie der islamistischen Bewegungen werden, die wie die früheren nationalen Befreiungsbewegungen auch, die Frau mit ihrem Schleier als Hort der Moral ansehen und mit zahlreichen Restriktionen belegen. Das Beispiel der Türkei kann man auch auf arabische Länder übertragen.

Die Kopftuch-Diskussion in Deutschland:
Kopftuch oder Schleier können mehrere Bedeutungen haben. Für die einen ist es 

- ein Zeichen für ein bestimmtes Geschlechterverhältnis und eine patriarchale Kultur oder 

- Symbol islamischer Religiosität oder 

- Zugehörigkeit zum islamischen Kulturkreis im Gegensatz zur westlichen Kultur. 

Das Kopftuch kann emanzipatorische Elemente haben, aber es kann auch Ausdruck patriarchaler Repressionen sein, die die Entwicklung der Frauen beeinträchtigt. Es kann Widerstand gegen Assimilationsdruck bedeuten. Es kann auch Zwang im Spiel sein.

Ich frage mich bei der Auseinandersetzung in Deutschland, geht es tatsächlich um Freiheit und Gleichberechtigung oder eher darum, die Dominanz der Mehrheitskultur im Namen dieser Werte durchzusetzen?

Zur Geschichte des Schleiers
In einem assyrischen Gesetzestext aus 13. Jh. vor unserer Zeitrechnung, wird "ehrbaren" und "vornehmen" Frauen das Tragen des Schleiers als Pflicht und Privileg zwingend vorgeschrieben, damit sie in der Öffentlichkeit von Sklavinnen und Prostituierten unterschieden werden können. Diese Vorschrift und Sitte gab es auch im klassischen Griechenland, im alten Rom, Byzanz und im Reich der Sassaniden. Muslimischen Ohren klingt diese Vorschrift und die Begründung sehr vertraut.

Im Koran beschäftigen sich folgende Verse mit der Kleidung der Frauen (auch der Männer):
Sure 24/31
Und sprich zu den gläubigen Frauen, dass sie ihre Blicke zu Boden schlagen und ihre Keuschheit wahren sollen und dass sie ihre Reize nicht zur Schau stellen, bis auf das, was davon sichtbar sein muss, und dass sie sich den Schal über ihren Schlitz ziehen und ihre Reize vor niemanden enthüllen als vor ihren Gatten usw.

Sichtbar ist, nach dem mittelalterlichen Korankommentator Tabari: Kajal und Ring; Gesicht und Hände; Verbindung zum Hadith

Sure 33/59
O Prophet! Sprich zu deinen Frauen und deinen Töchtern und zu den Frauen der Gläubigen, sie sollen sich in ihren Überwurf verhüllen, so ist es am ehesten gewährleistet, dass sie erkannt und nicht belästigt werden.

Die angesprochenen Frauen sollen sich in der Kleidung von den Sklavinnen unterscheiden. Unterschiedliche Interpretation für "herunterziehen", ein Auge sichtbar, die Stirn bedecken

Es geht in diesen Versen darum die Zugehörigkeit zu einer sozialen Klasse sichtbar zu machen, um Tugendhaftigkeit, die durch den Schleier angezeigt werden. Also es geht nicht um überfrachtete Symbolik wie in den späteren Jahrhunderten. Es geht nicht um die Identität der islamischen Nation oder gar um die Unterscheidung von anderen Nationen.

Die Kleidung der muslimischen Frau war im Laufe der Geschichte und je nach Region unterschiedlich. Schon immer war die Verschleierung ein städtisches Phänomen. Beduinenfrauen, Landfrauen haben normalerweise keinen Gesichtsschleier gekannt, auch die vollständige Trennung der Geschlechter ist in diesen Gesellschaftsschichten nicht durchzusetzen.

Schluss:

49/13
Oh ihr Menschen, wir haben euch von einem männlichen und weiblichen Wesen erschaffen, und wir haben euch zu Völkern und Stämmen gemacht, dass ihr einander kennen möget. Wahrlich, der Angesehenste von euch ist vor Gott der, der unter euch der Gerechteste ist. Siehe Gott ist allwissend, allkundig.


Quellen:
Renate Kreile: Politische Herrschaft, Geschlechterpolitik und Frauenmacht im Vorderen Orient
Leila Ahmed: Women and Gender in Islam, Roots of a Modern Debate
Birgit Rommelspacher: Anerkennung und Ausgrenzung
Bärbel Reuter: Gelebte Religion, Religiöse Praxis junger Islamistinnen in Kairo
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© Christa Tamara Kaul